Weihnachtsansprache unserer Priorin Sr. Magdalena:

Heute möchte ich eine etwas andere Weihnachtsansprache halten. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich stehe immer noch unter dem tiefen Eindruck des Vortrags von Fr. Dr. Raheb über das heutige Betlehem und die Situation der Christen dort. Ich habe eine Bildmeditation vorbereitet, die vielleicht unsere gewohnte Nostalgie und Niedlichkeit des Weihnachtsfestes ein wenig stört oder verstört – die aber dennoch viel über die Wirklichkeit dieses Festes aussagt.

Wir sehen: Betonwände, eine Betonmauer. In der Realität sind sie acht Meter hoch – ungefähr so hoch wie unser Mittelschiff in der Kirche. Bethlehem liegt im südlichen Westjordanland, nur wenige Kilometer südlich von Jerusalem. Die Mauer schneidet Bethlehem von Jerusalem ab – zwei Orte, die unsere Erlösungsgeschichte prägen, sind voneinander getrennt.

In dieser Betonmauer sehen wir einen Durchschuss. Er muss von größerem Kaliber sein, um die Mauer zu durchbrechen. Vielleicht ist er künstlerisch gestaltet, doch in jedem Fall ist es ein starkes Bild: Der Durchschuss bildet einen Stern. Ein Stern über der Krippe, ein Stern über Bethlehem, ein Stern über der Christenheit und der ganzen Menschheit – und nicht zuletzt ein Stern über meinem und deinem Leben. Dieser Stern weist hin auf den Ort der Krippe.

Dann sehen wir die sogenannte Krippe: Josef, Maria und das neugeborene Kind; der Stern steht über ihnen. Auch Ochs und Esel fehlen nicht. Für mich ist es ein starkes Bild: ein Bild der Grenze – und der Sprengung, der Durchleuchtung dieser Grenze. Ein Bild der menschlichen Sündhaftigkeit im Unfrieden und der göttlichen Allmacht, die alle Mauern durchstößt und Frieden und Liebe bringt.

Betlehem und Jerusalem gehören zusammen. Die Geburt Christi und die Erlösung der Menschheit sind hier im Bild durch die Mauer zwischen Bethlehem und Jerusalem getrennt. Doch die Sehnsucht der Menschheit und die Sehnsucht Gottes sind größer als jeder Krieg und jede Trennung – auch größer als noch so hohe Mauern. Auf dieser trennenden Mauer, kaum sichtbar, aber doch erkennbar, stehen die Worte LOVE und Paix: Liebe und Friede. Das ist Gottes Programm mit uns. Das ist Weihnachten: Liebe und Frieden.

Frieden und Liebe – trotz aller Mauern, trotz aller Bomben und Kanonen. Frieden und Liebe brachte dieses Kind schon in jene damalige Zeit, die geprägt war von Krieg und Besatzung, und ebenso in unsere heutige Zeit, die sich so sehr nach dieser Liebe und nach diesem Frieden sehnt.

Für mich ist in diesem Bild ein Hauch von Frieden zu sehen. Maria und Josef beschützen das Kind. So ist es manchmal auch in unserem Leben – und besonders im Leben der Menschen in Kriegsgebieten: nur ein Hauch von Liebe und Frieden. Und doch hat die Botschaft von Bethlehem mehr als 2000 Jahre überdauert. Der Friede und die Liebe sind in Bethlehem geboren – und auch im Herzen jedes Menschen, für den Jesus auf diese Erde kam: für die ganze Menschheit, für uns alle, für dich und für mich.

Foto: Mitri Raheb, Krippe an der Mauer